
Race Across Italy 2024

Nach meiner recht erfolgreichen Teilnahme vergangenes Jahr auf der kurzen Strecke wollte ich heuer die Lange probieren. 775 km und 10.000 Höhenmeter klingt erschreckend, zumindest für mich, aber doch auch irgendwie machbar. Das Rennen heuer hatte einen zusätzlichen Reiz: Es galt gleichzeitig als Europameisterschaft im Ultracycling.
Ich hatte mich mit einem sehr anstrengendem HIIT-Training, aber natürlich auch mit längeren Ausfahrten bis 320 km (aber lediglich 1.800 Höhenmetern) fit gemacht. Mein Versuch, Mitte April von Baden in einem Zug nach Innsbruck durchzu fahren, schlug leider Fehl, es war sehr kalt, und ich vermutete, dass das der Grund war, weshalb mir mein Knie Probleme gemacht hatte. Ich verbrachte eine gute Stunde im Foyer der Vöcklabrucker Sparkasse um mich aufzuwärmen und trank dann, als die erste Bäckerei geöffnet hatte, noch einen Liter heißen Tee, aber in Salzburg musste ich endgültig in den Zug steigen. Konditionell aber hatte ich bei dieser Fahre überhaupt keine Schwierigkeiten.
Ich bin also heuer wieder nach Silvi gefahren, diesmal alleine. In den ersten beiden Tagen bin ich mit dem Auto die gesamte Strecke abgefahren. Der erste Teil, der bis zum Tyrrhenischen Meer, schien mir hart, aber durchaus machbar. Die Rückfahrt begann flach, dann kam eine schier endlose Steigung mit vielen Serpentinen. Danach ging es wellig weiter. Leider war das Wetter nicht so gut, wie ich es erhofft hatte, und auf den Pässen hatte es unter Tags kaum 10 °C, ich musste mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und Regen oder Schneefall rechnen.
Heuer waren nur zwei Österreicher gemeldet, Christoph Strasser, wahrscheinlich der beste Ultracycler der Welt, der erste und einzige, der unglaubliche 1000 km in 24 Stunden gefahren ist, und ich. Christoph ist ein wirklich netter Kerl. Vergangenes Jahr hat er die lange Strecke mit Support gewonnen, und heuer wollte er ohne Support starten. Alle hier waren gespannt, wie Christoph unsupported gegen die Favoriten mit Support abschneiden würde, in seiner Kategorie war er natürlich haushoch favorisiert. Sein Bericht ist hier zu lesen.
Das Rennen sollte am Freitag, den 3. Mai starten, ich war bereits am Donnerstag von meiner Besichtigungsrunde zurück und versuchte, den Freitag so ruhig und entspannt wie möglich zu gestalten. Natürlich richtete ich mein Rad her, prüfte die Beleuchtung, die ja für zwei Nächte halten musste, packte meine Taschen, erledigte den nötigen Papierkram und radelte noch ein bisschen durch die Gegend. Ich bereitete ein Gesöff zu, das ich unter dem Namen „Schweineplempe“ im Internet kennengelernt hatte: Eine mehr oder weniger gesättigte Lösung aus 60 % Maltodextrin und 40 % Fruktose, das extrem kalorienreich ist, und das ich erstaunlich gut vertrage..
Ich war natürlich auch bei der Eröffnungszeremonie und unterhielt mich mit ein paar der Fahrer. Von Christoph Strasser erhielt ich bei der Gelegenheit Kettenschmiermittel, das ich etwas zu spät in seinem Ultracyclingshop bestellt hatte.
Das Rennen

Mein Start war um 21:15. Ich war viel zu früh zur Stelle und etwas nervös. Aber nach einer endlosen Warterei stand ich dann doch auf der Rampe. Ein kurzes Interview, und schon war ich gestartet.
Heuer war der Start in Silvi Alto, also oben im alten Ort, nicht an der Küste. Ich fand das sehr schön uns stimmig. Die Atmosphäre war auch familiärer und schöner. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gab es damit aber auch kein gemütliches Einrollen, sondern es ging erst leicht aufwärts durch den Ort hinaus, dann steil hinunter und sofort am Ortsende in die Hügel, die zum teil recht steil waren.
Bereits nach ein paar Kilometern entdeckte ich, dass mein Rücklicht nicht leuchtete: Die große Satteltasche, die „Arschrakete“, wie man so sagt, drückte auf den Einschaltknopf. Ich musste zweimal anhalten, um das Problem zu beheben, aber nach ein paar Kilometern war alles gut. Allerdings hatte ich schon bald nach dem Start leichte Schmerzen im Knie. Ich hoffte, das würde sich legen, sobald ich richtig warm gefahren wäre.
Wie ich im Rennen lag, das wusste ich nicht, aber ich wurde nicht besonders oft überholt und konnte selbst zuweilen jemanden überholen, ich war also guten Mutes. Am Weg den ersten Pass hinauf nahm ich eine Voltarentablette, die Schmerzen im Knie verschwanden zwar nicht, aber sie hielten sich einigermaßen in Grenzen.
Das mit dem Überholen ging erst an, als ich nach ungefähr 90 Kilometern am ersten Pass angelangt war: Da kamen die Profis, die teilweise eine gute halbe Stunde nach mir gestartet waren. Es war absolut unglaublich, wie die in vollkommener Dunkelheit über diese Passstraße hinunter gerast sind! Ich fuhrt selbst zwischen 40 und 55 km/h, hatte aber keine Chance, mitzufahren. Nicht mit der Meute gekommen ist Christoph Strasser. Während ich so schnell ich konnte dem nächsten Pass entgegen radelte, begann ich mir Sorgen um ihn zu machen. Noch mehr Sorgen aber machte mir mein Knie, es schmerzte nun deutlich.
Ich trat in dieser Phase ungefähr 170 W. Ich war schon ein gutes Stück zum nächsten Pass hinauf gefahren, als ich von einem wirklich schnellen Radfahrer überholt wurde. Ich stand auf und ging in den Wiegetritt, um zu beschleunigen. Das musste Christoph sein und ich wollte ein kleines Stück mit ihm mitfahren. Dumm, ich weiß, denn die Energie würde mir später fehlen, aber ich war auch ein bisschen ehrgeizig, vielleicht wollte ich auch nur ein wenig angeben. Was soll ich sagen? Die 240 W, die ich maximal investieren wollte, waren bei Weitem nicht genug, um ihn ein paar Meter zu begleiten. Er ist mit einer unglaublichen Geschwindigkeit an mir vorbei gezogen. Mir blieb nur, ihm ein paar Worte nachzurufen, dann war er hinter der nächsten Kehre verschwunden.
(Christoph hatte „relativ langsam“ begonnen, war aber dann nach dem ersten Checkpoint so richtig in Fahrt gekommen und hat das gesamte Feld aufgerollt. Und am Ende war er – auch weil der favorisierte Fahrer mit Support, Daniel Steinhauser, aufgrund eines Defektes am Betreuerauto aufgeben musste – war derSchnellste überhaupt. Er war dabei nur zwei Stunden langsamer als bei seinem Sieg vergangenes Jahr. Christoph hat die gesamte Strecke über im Schnitt 230 W getreten, kein Vergleich zu meinen 138 W)
Am ersten Checkpoint war ich nach knapp 7 1/2 Stunden. Ich blieb dort nicht lange. So schnell ich konnte wechselte ich meine Flasche mit „Schweineplempe“ und füllte die Wasserflasche nach. Dann war ich bereit, den nächsten Pass in Angriff zu nehmen.
Es wurde langsam Tag, je höher ich kam, desto heller wurde es. Landschaftlich war es wirklich herrlich. Als ich beinahe oben war, überholte mich ein Belgier, den ich vom letzten Jahr her kannte. Wir plauderten kurz, dann aber musste ich ihn fahren lassen, ich konnte nur noch mit dem linken Fuß kräftig treten, rechts hatte ich große Schmerzen.
Von diesem Pass geht es nur sehr kurz hinunter. Unten kehrte ich in einem Caffee ein um einen Capuccino zu trinken. Noch einmal musste ich kurz anhalten, dann ging es wieder zum vierten Pass hinauf. Ich duellierte mich die ganze Zeit über mit einem Fahrer, musste ihn aber am Ende ziehen lassen, weil ich immer, wenn ich insbesondere wenn es steil wurde, sehr große Schmerzen hatte. Am Weg hinunter zum zweiten Checkpoint nahm ich eine zweite Tablette Voltaren.
So ungefähr auf der Hälfte der Strecke abwärts auf einer relativ langen geraden hatte ich kurz das Gefühl, hinten platt zu sein (sehr beruhigend, wenn man gerade 75 km/h fährt), aber da war nichts.
Nach dem pass geht es dann noch „endlos“ mehr oder weniger flach zur Timestation 2 an die Küste. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zu den Frauen, die eine gute halbe Stunde vor mir gestartet waren, aufgeschlossen, konnte sie aber kaum halten, erst, als die Tabletten stärker wirkte und die Schmerzen etwas nachließen, fuhr ich ihnen wieder davon.
Nach 15:27 war ich auf Timestation 2. Ich war konditionell in einem sehr guten Zustand, ich war nicht müde und weit entfernt davon, erschöpft zu sein. Die Schmerzen waren nun zwar einigermaßen erträglich, aber ich hatte noch mehrere schwere Anstiege vor mir. Ich war zu diesem Zeitpunkt in meiner Altersklasse (über 50, ich bin beinahe 63 Jahre alt) fünfter, mit großem Vorsprung auf den sechsten. Ich hatte aber die erlaubte Tagesdosis für Voltaren innerhalb von nur 10 Stunden eingenommen, und würde noch zumindest vier weitere Tabletten, eher mehr, bis ins Ziel brauchen. Dazu kam noch, dass ich eine knappe Woche später als Entwicklungshelfer in die Mongolei fahren, und dort einigermaßen fit eintreffen wollte. Ich stand nun vor der Wahl, hier am Checkpoint aufzugeben, oder es riskieren, weiter zu fahren und dann mit relativ großer Wahrscheinlichkeit während des nächsten großen Anstiegs aufgeben zu müssen. Und wenn nicht am nächsten, dann am übernächsten? Am Checkpoint aber gab es gute Infrastruktur, und man würde mich auch zurück nach Silvi bringen. „Mitten im Nirgendwo“ waren die Chancen, nach Silvi zu kommen, weit schlechter. Ich entschied mich daher für eine Aufgabe.
Am Ende bin ich offiziell 331 km und 4.615 Höhenmeter in 15:27:42 gefahren, das entspricht einem Schnitt brutto von 21,4 km/h. Ich habe im Schnitt 138 W getreten. Das klingt nicht gerade viel, man muss aber bedenken, dass ich abwärts kaum getreten habe. Mein Brutto beinhaltet exakt eine Stunde Pause (am Checkpoint 1, in der Caffetaria, an Brunnen, um Wasser nachzufassen, oder auch, um es wieder loszuwerden). In Bewegung hatte ich einen Schnitt von 22,9 km/h. Ich denke, meine Leistung ist in Ordnung.
Ich musste noch sehr lange warten, bis der Checkpoint geschlossen werden konnte. Dann holten wir noch einen Fahrer, der einen Unfall gehabt hatte, aus dem Krankenhaus in Minturno. Irgendwann gegen Mitternacht, war ich wieder in Silvi zurück. In Silvi entdeckte ich dann, dass ich mir wohl etwas in den Hinterreifen gefahren haben musste, denn die Lauffläche des Reifens war mit Dichtmilch verschmiert, ich hatte aber noch leicht genügend Luft im Reifen, die Dichtmilch hatte ihre Aufgabe erfüllt.
Eigentlich wollte ich erst am Montag nach Hause fahren, denn ich wäre ja wahrscheinlich total erschöpft in der Nacht vom Samstag auf Sonntag angekommen. Nun aber war ich bereits am Sonntag einigermaßen fit und beschloss, sofort abzufahren. Ich holte mir meine Verpflegungspäckchen am Zielort und fuhr – sehr frustriert und beschämt – nach Hause.
Ich habe diesen Bericht erst im Juli geschrieben. Und nun, mit mehr als zwei Monaten Abstand, kann ich auf meine Leistung stolz sein. Mein Knie ist immer noch nicht ganz fit, aber ich habe einige Gelatine-Spritzen bekommen und denke, heute würde es die ganze Strecke aushalten.
Ausrüstung
Ich habe natürlich wieder mein Ridley Fenix gefahren. Ich hatte neue Reifen, TUFO Elite S3 in 25 mm auf meine Lightweight Standard Felgen geklebt. Als Rücklicht hatte ich mein Garmin Radar und ein ganz billiges als Zweites (das war gut, denn meine Satteltasche hat das Radar immer wieder abgeschaltet). Als Frontscheinwerfer verwendete ich mein B&M IXION Rock mit 100 Lux. Das Licht ist stark genug, allerdings leuchtet es nur einen sehr schmalen Kegel aus, die meisten Kurven gehen ins Dunkle. Damit der Scheinwerfer durchhält, hatte ich einen 20.000 mAh Powerbank mit und eine weitere auf Timestation 3 deponiert. Auch das Rücklicht hatte eine kleine Powerbank. Die Steckverbindungen korrodieren gerne, wenn es regnet, daher hatte ich sie mit Kondomen abgedichtet (nicht die mit Gleitmittel verwenden!). Und die Satteltasche, also die Arschrakete, genau wie die kleine Rahmentasche, in der ich den Akku transportierte, war ein ganz billiges Ding von Ali Express.
Ich hatte Winterhandschuhe von Ekoï, meine normale kurze Hose, dazu Beinlinge und darüber eine Legging (und ziemlich als Einziger nicht gefrohren! Heiß war mir aber auch nicht), oben mein Vereinsdress mit Armlingen, darüber noch eine Softshell sowie eine Sturmhaube aus Merinowolle. Die tiefste Temperatur war übrigens -2 °C, die höchste 20 °C. Vergangenes Jahr waren die Temperaturen sehr ähnlich.
Ich hatte geplant, am Checkpoint 2 Legging und Jacke auszuziehen (und bei Bedarf Beinlinge und Armlinge hinunter zu ziehen) und am Checkpoint 3 wären eine weitere Jacke und Leggings, sowie volle Porerbanks, bereitgelegen.
Auf Regenschutz habe ich nach längerem Nachdenken verzichtet, der Wetterbericht war gut.
Im Gegensatz zum vergangenen Jahr war ich diesmal mit meiner Ausrüstung sehr zufrieden.

